Eine gespaltene Gesellschaft

Elf Jahre nach dem Völkermord in Ruanda ist das Land noch immer von den Folgen geprägt




Dass Gleichberechtigung auf dem Papier und Gleichberechtigung in der Realität zwei Paar Schuhe sind, ist in Deutschland allgemein bekannt, da bleibt bei uns trotz aller Fortschritte noch viel zu tun. Und das gilt in viel höherem Maße auch für die Frauen in Ruanda, obwohl sich die dortige Gesetzgebung bereits positiv verändert hat. "Die Tradition ist immer noch stärker", erläuterte Winfried Lieke aus Darmstadt, der sich bei amnesty international seit etwa zehn Jahren mit diesem Land beschäftigt.
 
Während des Völkermords von 1994, dessen ethnische Ursache bereits in den 60er Jahren zu ersten Konflikten führte und in dessen Verlauf etwa eine Million Menschen ermordet wurden, erlitten auch Hunderttausende Frauen sexuelle Übergriffe. 70 % der Überlebenden dieser Massenvergewaltigungen wurden mit HIV infiziert. Und so fehlt in vielen Familien nicht nur der Vater, sondern die Mütter werden zusätzlich stigmatisiert: Ihnen wird unterstellt, nur durch Kooperation mit den Völkermördern überlebt zu haben, sie erhalten keine adäquate medizinische Behandlung, verlieren ihr Ackerland, das ihnen zwar rechtlich zusteht, aber von der Familie des Ehemannes beansprucht wird, oder werden entlassen, auch wenn sie trotz HIV-Infektion noch voll arbeitsfähig sind. Da keine Durchschnittsruanderin Antiretroviral-Medikamente bezahlen kann, sind die Patientinnen zudem auf staatliche Gesundheitsversorgung angewiesen, die allerdings eher den Menschen zugute kommt, die dem Regime nahestehen.

Und so sei für amnesty international eine bessere medizinische Versorgung und die Schaffung einer wirtschaftlichen Grundlage für Frauen in Ruanda ein wichtiges Anliegen. Selbstverständlich müsse auch die zunehmende Repression gegen inländische Menschenrechtsorganisationen und Oppositionsparteien aufhören, die sich für eine Demokratisierung des Landes einsetzen. "Als ai-Mitglied richtet sich der Blick zwangsläufig vor allem auf Menschenrechtsverletzungen", bedauerte Winfried Lieke.

Für einen positiveren Blick auf den Alltag in Ruanda sorgte dann Dr. Annette Kowald aus Karlsruhe. Im Rahmen des Nachwuchsförderungsprogramms des Deutschen Entwicklungsdienstes arbeitete sie ein Jahr als Assistenzärztin im Norden des Landes im Distriktkrankenhaus Byumba. Anhand von persönlichen Erinnerungsfotos skizzierte sie das Leben ruandischer Frauen. Schon früh übernehmen Mädchen Verantwortung für die Familie. Gerade nach dem Völkermord in Ruanda war die Versorgung der jüngeren Geschwister ihre wesentliche Aufgabe, wenn ein oder beide Elternteile ermordet wurden. In der Ehe sind Kinder ein Statussymbol. Zwar sind 3 Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft kostenfrei, dennoch wird ein Krankenhaus nur bei ernsthaften Problemen aufgesucht. Die HIV-Rate von 10 % ist somit wenig aussagekräftig. "Die heutigen Frauen im gebärfähigen Alter haben die Gräuel des Völkermords als Jugendliche erlebt, auch wenn Byumba 1994 von den schlimmsten Gräueln verschont blieb", erläuterte Dr. Annette Kowald.
Beeindruckt hat sie die innere Stärke der Frauen. "Ich habe eine 44-Jährige mit vier Kindern kennen gelernt, bei der sich dann im Gespräch herausstellte, dass zehn weitere Schwangerschaften entweder mit Totgeburt oder frühem Kindstod endeten. Es schien sie nicht zu belasten". Die Frage "Warum gerade ich?", mit der sich betroffene Frauen bei uns quälen, stellt sich in Ruanda einfach nicht, vielleicht, weil es jede Frau trifft. Und so wird für Dr. Annette Kowald dieser Aufenthalt unvergesslich bleiben.

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