Jordanien - ein Land zwischen Tradition und Moderne


Welche Möglichkeiten hat ein reformwilliges Monarchenpaar, das zur Modernisierung entschlossen ist, aber von einem konservativen Parlament daran gehindert wird? Wie steinig dieser Weg ist, zeigte ein Informationsabend von amnesty international am 16.03.04 in der Villa Ecarius auf.

Gudrun Sidrassi-Harth, die in den 70er Jahren selbst dort gelebt hat, beschrieb Jordanien als Land zwischen Hammer und Amboss, im Spannungsfeld zwischen Israel und Irak, was sich unmittelbar auf die Innenpolitik auswirkt. Zumal vor allem die Beduinen treue Gefolgsleute des jungen Königs sind, der mit einer Palästinenserin verheiratet ist. Dieser Spagat ist symptomatisch für ein Land, das noch zu patriarchalisch geprägt ist, als dass Reformen derzeit eine echte Chance hätten. Doch immerhin können diese "Grabenkämpfe" inzwischen öffentlich ausgetragen werden.

Zwar sind in der Regierung 3 von 21 Ministern Frauen und hat Abdallah II. "undemokratisch" dafür gesorgt, dass von den 110 Sitzen im Parlament 6 Sitze Frauen vorbehalten sind, doch selbst diese stimmen teilweise konservativ ab. Und die stärker gewordenen Islamisten machen das Abstimmungsverhalten nicht einfacher. So scheiterte der Versuch, das Heiratsalter für Frauen von 15 auf 18 Jahre anzuheben, ebenso wie die Absicht, für Frauen ein Scheidungsrecht einzuführen. Selbstverständlich haben Frauen Wahlrecht, aber da sie dieses Recht nur unverschleiert in Anspruch nehmen dürfen, verhindern viele Familien diesen Urnengang oft. Und auch die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen in den Großstädten bedeutet nicht unbedingt, dass das Leben der Frauen einfacher wird.

Im Gegenteil. Denn für Tötungen von Frauen im Namen der Familienehre muss z.B. ein Ehebruch nicht nachgewiesen sein, es reicht der Verdacht, ein harmloser Plausch mit einem Mann, ein unerlaubter Kinobesuch, ein Gerücht. Männer (Väter, Ehemänner, Brüder, Onkel) werden für das öffentliche Verhalten der ganzen Familie verantwortlich gemacht, wenn sie ihrer "Beschützerrolle" nicht nachkommen, beschädigen auch sie die Ehre der Familie, sind also genauso wenig frei von Zwängen. Andererseits wissen sie ganz genau, dass das Strafrecht für Tötungen im Affekt Strafminderung bzw. Straffreiheit vorsieht, sodass sie sich unmittelbar nach der Tat selbst bei der Polizei anzeigen. Leider wird dieser "Affekt" nur den Männern und nicht den Frauen zugestanden. Und das Parlament hat die Aufhebung dieser Ungerechtigkeit abgelehnt.


   

Paradoxerweise würde gerade die Scharia diese Frauen schützen. Sie besagt nämlich, dass 4 männliche Zeugen ein weibliches "Fehlverhalten" bestätigen müssen, was 90 % der getöteten Frauen, die nachweislich als Jungfrauen sterben, das Leben hätte retten können. Doch der Ehrenkodex hat leider mehr Gewicht. Frauen, die befürchten, wegen der Familienehre getötet zu werden, können sich zwar an die Polizei wenden und kommen dann in "Verwaltungshaft", aber selbst wenn ihre Familien unterschreiben, einen solchen "Ehrenmord" zu unterlassen, ist die Mordwahrscheinlichkeit extrem hoch, sobald sie in den Kreis der Familie zurückgekehrt sind.

Die Lösung: das Aufbrechen der patriarchalischen Strukturen. Waren diese Ehrenmorde früher kein Thema, werden sie es seit den 90er Jahren dank einer mutigen Journalistin immer mehr. Doch bleibt noch viel zu tun.

Eine lebhafte Diskussion schloss den Abend ab. Dabei wurde klargestellt, dass das Königshaus zwar Reformen will, das Parlament aber diese Reformen blockiert, da sie in jedem Modernisierungsprozess die Zerrüttung der Gesellschaft durch den Westen wittert. Gudrun Sidrassi-Harth meint allerdings, dass mit Ausdauer und Mut das Aufbrechen dieser Tabus gelingen kann. Bis 1989 seien Parteien verboten gewesen und auch heute gäbe es keine Parteien in westlichem Sinne, sie seien eher ein Spiegelbild der Clans. Einig war man sich darüber, dass durch die Heiratsfähigkeit ab 15 Jahren ein ungenügendes Bildungsniveau besteht, das allerdings im Vergleich zu anderen arabischen Ländern immer noch gut ist. "Ehrenmorde" seien inzwischen kein Tabuthema mehr. Ebenso wie das Scheidungsrecht wurden auch andere Aspekte des Geschlechterverhältnisses angesprochen.

Am Ende wurden noch einmal die Anliegen von amnesty international in Bezug auf Jordanien aufgezeigt. Waren bis Ende der 80er Jahre politische Gefangene eher Gewerkschafter oder linke Oppositionelle, sind es seit den 90er Jahren vermehrt Islamisten, bei denen Geständnisse oft durch Folter erpresst werden. Es bleibt also noch viel zu tun, selbst wenn die Todesstrafe heutzutage kaum noch politische Gefangene betrifft.