"…hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben und nun sollen seine Geister auch nach meinem Willen leben." Ob der alte Goethe auch hier seine Finger im Spiel hat? Ach, wohl kaum! Aber war es nicht Goethe, der zur Reise nach Speyer aufrief? Ratlos stehe ich vor dem Museum in Speyer und blicke auf Banner mit riesigen Kröten: HEXEN- so die Aufschrift. Aber welche Hexen sind nun gemeint? Sofort fiel mir meine alte Kinderfreundin "Bibi Blocksberg" ein, ich hüpfte von einem Stein zum nächsten und sang vor mich hin! Dem Rätselraten setzte ich ein jähes Ende und gab meiner Neugier nach.
Die im Speyerer Museum gezeigte Realität holt mich jedoch schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Mit Bibis Hexenromantik hat das hier Gezeigte nichts zu tun. Hexenhammer und Daumenschrauben sind nur zwei der Exponate, an denen aufgezeigt wird, wie in einer Gesellschaft, die durch Angst, Missgunst, Gerüchte, Not und Unwissenheit verunsichert ist, Sündenböcke für alles Unheil gesucht und auch gefunden werden.
Was für ein Glück, dass diese Zeit weit zurück liegt! Aber wollen wir nicht auch gerne mal jemandem die Daumenschrauben anziehen? Sind wir wirklich so weit entfernt von diesen vergangenen Zeiten, wenn heute noch immer der Opferschutz zur Rechtfertigung von Folter dient? Vergessen nicht auch wir allzu gerne immer wieder, dass Folter stets zu der Aussage führt, die der Fragende hören möchte? Hier in Deutschland mag wohl am bekanntesten der Fall Daschner im Rahmen der Entführung des Jacob von Metzler sein. Amnesty International berichtet, dass Folter und Misshandlung zum Justizalltag in mindestens 81 Ländern der Welt gehört. So setzen zahlreiche Regierungen Folter gezielt und systematisch gegen ihre eigene Bevölkerung, aber auch gegen fremde Bevölkerungsgruppen ein. Entsprechend sind Guantanamo und Folter gedanklich nicht trennbar, so gehört beispielsweise Waterboarding auch auf dem Staatsgebiet der USA zu den gesetzlich anerkannten Verhörmethoden. Hinter beliebten Urlaubsländern wie Tunesien und Ägypten verbergen sich veritable Polizeistaaten, deren Mittel zur Strafaufklärung und Disziplinierung kaum Grenzen gesetzt sind.
Folter ist kein Relikt aus vergangenen Zeiten, sondern vielmehr auch ein Mittel zur "Wahrheitsfindung" in der globalisierten, mordernen Welt. Vor diesem Hintergrund ist es begrüßenswert, dass das Museum den Versuch unternimmt, so wie Alexander Koch im Vorwort des Begleitkataloges zur Hexenausstellung schreibt: "Korrekturen an überkommenen Geschichtsbildern vorzunehmen und sogar unserer modernen, von nahezu grenzenloser Individualität geprägten Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten".
Auch wenn nahezu alle Länder die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und damit das Verbot der Folter unterzeichnet haben, wird Folter auf absehbare Zeit einen festen Platz auf dieser Welt haben. Schranken kann es nur über ein transparentes, rechtsstaatlich organisiertes Rechtssystem und eine wachsame couragierte Zivilgesellschaft geben.