Die Frage, die Iwan Karamasow nicht stellt
Le Monde, 05.05.2004 |
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| Ist Folter jemals
gerechtfertigt? Das ist die unangenehme Frage, der von den universellen
Protesten aus Abscheu, Ekel und Scham ausgewichen wird, mit denen auf
die kürzliche Verbreitung von Fotos reagiert wurde, die britische
Soldaten und amerikanische Militärpolizisten bei der Folterung
wehrloser Gefangener im Irak zeigen. Diese Frage wurde vor hundertdreißig Jahren vom russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski in Die Brüder Karamasow auf unvergessliche Weise aufgeworfen. In diesem Roman wird Aljoscha Karamasow, der mystische Bruder, von seinem Bruder Iwan versucht und vor eine unerträgliche Entscheidung gestellt. Nehmen wir an, sagt Iwan, dass es, um den Menschen ewiges Glück zu geben, unerlässlich und unausweichlich sei, ein kleines Wesen, ein kleines Kind, zu Tode zu foltern. Würdest zu zustimmen? Iwan hat seiner Frage Berichte über leidende Kinder vorangestellt: ein 7-jähriges Mädchen, das von seinen Eltern geschlagen wird, bis es das Bewusstsein verliert, dann draußen in die eisige Holztoilette gesperrt und gezwungen wird, seine eigenen Exkremente zu essen; ein 8-jähriger Leibeigener, der auf Anweisung eines Landbesitzers vor den Augen seiner Mutter von Hunden zerfleischt wird. Wahre Geschichten, die Dostojewski Zeitungen entnommen hat und die nur eine Vorstellung von der fast unvorstellbaren Grausamkeit vermittelten, welche die Menschheit in den darauf folgenden Jahren erwartete. Wie hätte Iwan angesichts der im XX. Jahrhundert eingesetzten Mittel zur Perfektionierung des Schmerzes, zu seiner Industrialisierung, zu seiner Hervorrufung auf einer massiven, rationellen, technologischen Ebene reagiert. Ein Jahrhundert, das Handbücher über den Schmerz und über seine Zufügung, Ausbildungslehrgänge über die Arten seiner Intensivierung und Kataloge hervorgebracht hat, denen man entnehmen kann, wo man sich die Instrumente besorgen kann, die einen grenzenlosen Schmerz garantieren, ein Jahrhundert, das denjenigen Medaillen verliehen hat, welche die Handbücher geschrieben haben, das diejenigen gepriesen hat, welche die Lehrgänge entwickelt haben, und das diejenigen belohnt und reich gemacht hat, welche die in diesen Todeskatalogen aufgeführten Instrumente hergestellt haben? Die Frage Iwan Karamasows - würdest du zustimmen? - ist auch heute noch in einer Welt, in der 132 Länder diese Art von Erniedrigung und Unrecht an Gefangenen gewohnheitsmäßig praktizieren, fürchterlich stichhaltig, denn sie führt mitten ins unerträgliche Thema der Folter, sie fordert , dass wir uns dem realen und unerbittlichen Dilemma stellen, das aus der Existenz und Persistenz der Folter resultiert, insbesondere nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Die Worte Iwan Karamasows erinnern uns daran, dass die Folter von denen, die sie anwenden und praktizieren, gerechtfertigt wird: Es wird stillschweigend angenommen, dass das Leid einiger weniger der Preis ist, der zu zahlen ist, um das Glück der übrigen Gesellschaft zu gewährleisten, wobei die in einem dunklem Keller, einer tiefen Höhle, einer scheußlichen Polizeiwache zugefügten üblen Dinge der großen Mehrheit Sicherheit und Wohlbefinden vermitteln. Dass man sich darin nicht täuscht: Alle Regime, die foltern, tun es im Namen des Heils, eines höheren Ziels, eines versprochenen Paradieses. Iwan Karamasow flüstert uns weiterhin das zu, was man Kommunismus, Freihandel, freie Welt, nationales Interesse, Faschismus, Führer, Zivilisation, Dienst an Gott, Informationsbedarf nennen kann, was man nennen kann, wie man will - Preis des Paradieses, versprochene Art von Paradies - es wird für mindestens einen Menschen zu einem gegebenen Zeitpunkt irgendwo immer die Hölle sein. |
Störende Wahrheit: Die
amerikanischen und eventuell britischen Soldaten im Irak betrachten
sich wie alle Folterer nicht als Bösewichte, sondern eher als
Wächter des Allgemeinwohls, als ergebene Patrioten, die sich die
Hände schmutzig machen und vielleicht ein paar schlaflose
Nächte durchleben, um die unwissende Mehrheit von Gewalt und Angst
zu befreien. Auch wenn sich diejenigen, die foltern, bewusst sein
müssen, dass es aus rein statistischen Gründen
zwangsläufig eine Chance gibt, dass einer ihrer Gefangenen
unschuldig an dem ist, dessen er beschuldigt wird, sind die
Ankläger bereit, Unschuldige das entsetzliche Schicksal
mutmaßlicher Schuldiger erleiden zu lassen. Man weiß nicht genau, wie die Bürger dieses oder eines anderen Landes reagieren würden, wenn sie mit der Frage Iwan Karamasows zynisch konfrontiert würden. Wären sie fähig, wissentlich zu akzeptieren, dass ihre Träume vom Paradies von einer Hölle ewigen Schmerzes für ein unschuldiges Kind abhängen, oder würden sie wie Aljoscha leise antworten: Nein, ich stimme nicht zu? Es gibt allerdings eine andere, noch beunruhigendere Frage, die Iwan nicht stellt: Und wenn der für unser Wohlergehen endlos gefolterte Mensch schuldig wäre? Und wenn man eine Zukunft aus Liebe und Harmonie auf dem ewigen Schmerz von jemandem errichten könnte, der selbst ein Massaker begangen hat, der Kinder gefoltert hat? Und wenn wir eingeladen würden, erneut den Garten Eden genießen zu können, während ein einziges und verachtenswertes menschliches Wesen unaufhörlich die Gräuel durchlebt, die er anderen aufgezwungen hat? Oder weitergehender: Und wenn der Mensch, dessen Geschlechtsorgane gequetscht werden und dessen Haut verbrannt wird, den Ort kennt, an dem sich eine Bombe befindet, die jeden Augenblick explodieren und Millionen Menschen töten kann? Würden wir mit nein antworten? Würden wir antworten, dass Folter unabhängig von der Bedrohung und unabhängig von unserer Angst immer, absolut und kategorisch, inakzeptabel ist? Das ist die wahre Frage an die Menschheit, die sich gestern durch die Fotos dieser leidenden Körper in kahlen Räumen im Irak offenbarte, eine Marter - vergessen wir das nicht - die immer wieder begangen werden kann, heute wie morgen, in so vielen Gefängnissen überall auf unserem trostlosen und anonymen Planeten, sobald sich ein Mensch, der wie ein Gott die Macht über Leben und Tod in seinen Händen hält, einem anderen absolut wehrlosen Menschen nähert. Haben wir an diesem Punkt Angst? Haben wir so große Angst, dass wir bereit sind, andere wissentlich im Geheimen und in unserem Namen Schreckenstaten begehen zu lassen, die uns quälen und uns ewig korrumpieren werden? Aus dem Englischen übersetzt von Florence Lévy-Paoloni Ariel Dorfman, chilenischer Schriftsteller, ist Professor an der Duke-Universität (North Carolina) - ARTIKEL ERSCHIEN IN DER AUSGABE VOM 06.05.2004 |